In viele Lagen Kleidung eingepackt, die Hände in mehreren übereinander gezogenen Handschuhen, Schals und Tücher um den Kopf gebunden und ihre Habseligkeiten auf einem Fahrrad schiebend – so geht die Frau langsam durch die spiegelglatten Straßen. Sie sieht einerseits propper aus, nicht ausgemergelt, aber auch unbehaust - wie jemand, der schon lange das Wort „Zuhause“ nicht mehr mit gemütlichen, eigenen vier Wänden in Verbindung bringt. Der Winter kommt einem noch ein Stück kälter vor.
Spätestens durch das Konzert des Cellisten Thomas Beckmann sind auch in Celle die Menschen auf die besondere Notlage von Obdachlosen und Nichtsesshaften im frostigen Winter aufmerksam geworden. Der Tod durch Erfrieren kann schnell kommen. Anders als in Großstädten wie Köln oder Berlin lebt im Winter jedoch in Celle niemand dauerhaft auf der Straße. Alle Obdachlosen und auch die nur durchreisenden Nichtsesshaften werden in Notunterkünften oder Wohnheimen untergebracht. „Hier in Celle ist zum Glück noch niemand erfroren“ heißt es aus dem Rathaus. Neben dem Sozialamt, das sich auch um die Unterbringung von Obdachlosen kümmert, sind vor allem der Kalandhof und die Ambulante Hilfe, Beratungsstelle für wohnungslose Frauen und Männer des Diakonischen Werkes Hannover in der Schuhstraße wichtige Anlaufpunkte für Nichtsesshafte.
Unterschieden wird im Fachjargon zwischen Obdachlosen und Nichtsesshaften. Zwar sind Nichtsesshafte immer auch obdachlos, denn sie haben ja keinen festen Wohnsitz. Aber längst nicht jeder Obdachlose ist gleichzeitig auch nichtsesshaft. Eher das Gegenteil ist der Fall: Als Obdachlos gelten auch Menschen, die von der Stadt beziehungsweise den Sozialämtern in Notunterkünfte eingewiesen werden. Momentan sind in der Stadt Celle 53 Menschen obdachlos gemeldet. Davon sind 18 Frauen, 21 Männer und 14 Kinder. Sie alle leben derzeit in Obdachlosenunterkünften. Momentan kann die Stadt bis zu 60 Plätze in 22 Wohneinheiten bieten, die auf neun Gebäude verteilt sind.
Die Nichtsesshaftenhilfe hält im Kalandhof zehn Betten für sogenannte „Übernachter“ bereit. Im Dezember nahmen sechs Personen dieses Angebot wahr; im Januar waren es bis zum 23. schon 18 Menschen, die jeweils eine Nacht im Kalandhof verbrachten. Für Frauen, die bei den Nichtsesshaften in der Minderzahl sind, stehen neben den kurzfristigen Schlafmöglichkeiten im Hotel „Zur Herberge“ auch Schlafplätze in einer Wohnung bereit. Es ist jedoch stets eine freiwillige Entscheidung, ob jemand in eine Notunterkunft gehen möchte. Auch inoffizielle warme Schlafplätze, etwa in den Vorräumen mancher Banken, werden genutzt. Von diesen inoffiziellen Plätzen gibt es in Großstädten natürlich weit mehr.
An Werktagen von 8 bis 17 Uhr und samstags von 8 bis 12 Uhr sind die haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Bahnhofsmission ansprechbar. Hier kommen nicht nur Menschen in wirtschaftlichen oder sozialen Notlagen hin, sondern auch Reisende, die im Warmen warten möchten oder Hilfe bei den Treppen zum Bahngleis brauchen, denn noch ist der Celler Bahnhof für Viele ein bitterer Hürden-Parcours. „Es kommen zu uns besonders Menschen, die zwar eine Wohnung haben, aber dabei den notwendigen Lebensstandard nicht erreichen, also beispielsweise keinen Strom, kein Wasser oder keine warme Kleidung haben. Sie können hier duschen, bekommen etwas Warmes zum Anziehen und ein Essen pro Person und Tag. Es kommen auch umherziehende Obdachlose und Suchtkranke hierher. Wir vermitteln sie dann weiter an die Ambulante Hilfe (Schuhstraße) oder andere Institutionen in Niedersachsen. Dort werden sie dann betreut.“ Viele umherziehende Wohnungslose kehren dauerhaft nach Celle zurück, weil sie sich hier wohl fühlen. Diese Beobachtung hat man bei der Celler Bahnhofsmission gemacht.
Die „Ambulante Hilfe für wohnungslose Frauen und Männer“ in der Schuhstraße hilft unter anderem bei der Wohnungssuche. Außerdem bietet sie eine postalische Erreichbarkeit an, die notwendig ist, um einen Hartz IV-Antrag zu stellen. Die Mehrheit der bis zu 30 Personen, die täglich hierher kommen, besteht aus Stammgästen. Dazu kommen derzeit immer mehr junge Männer und Frauen unter 25 Jahren. Der klassische „Durchreisende“ kommt eher selten. Hier erhalten sie unter anderem Hilfe bei Anträgen auf Sozialleistungen und ganz grundsätzlich wird bei der Lösung sozialer Probleme geholfen. Außerdem können sie sich mit Menschen in ähnlichen Situationen austauschen und finden ein bisschen Familienersatz. Auch in der Einrichtung des Diakonischen Werkes legt man Wert darauf, dass die Betroffenen bald wieder auf eigenen Füßen stehen können und dass Hilfe zur Eigenverantwortung geleistet wird.
„Celle ist für Obdachlose weder mehr noch weniger attraktiv als andere gleichgroße Städte“, sagt Stadtrat Stephan Kassel, in dessen Zuständigkeitsbereich auch die Fürsorge für Obdachlose und Nichtsesshafte fällt. Anders als in Großstädten seien hier die Betreuungsangebote weniger anonym, man kenne sich untereinander und deshalb können Obdachlose nicht so leicht in der gesichtslosen Masse verschwinden. „Unser Ziel ist es aber in jedem Fall, aus der Obdachlosigkeit zu helfen und Hilfe zur Selbsthilfe anzubieten. Wie wollen hier kein gemütliches Kuschelnest bereithalten, sondern wir helfen pragmatisch, bauen aber auch auf Veränderung.“ Bei den Personen, die in Celle ihre Wohnung verloren haben, liegt die Erfolgsquote derzeit bei 80 bis 90 Prozent innerhalb von 3 – 6 Monaten. Das heißt, die Allermeisten haben nach spätestens einem halben Jahr wieder eine eigene Wohnung. „Vorausgesetzt sie wirken mit und bemühen sich auch selbst, aus der Obdachlosigkeit herauszukommen.“
Schwierig ist das allerdings, wenn jemand sich als „nicht wohnfähig“ erweist, also nicht in der Lage ist, eigenständig einen Haushalt zu führen. Oder wenn sich Nichtsesshaftigkeit zum Lebensstil verfestigt hat. Die Frage stellt sich dann jedoch, ob die eigene Wahl eines Lebensstils jenseits der Norm und Lebensqualität der Mehrheitsbevölkerung immer gleich ein behandlungbedürftiges Syndrom darstellen muss. Ist es auch die Nachtseite des bürgerlichen Daseins, die man hier im wohllebenden Deutschland, weitab der Slums oder selbst der Armutsgebiete deutscher Großstädte, gerne ausblenden möchte? Hilfe muss hier natürlich angeboten werden, wie bei jedem Bürger und bei jeder Bürgerin, die in eine Notlage geraten. Aber auch die Ablehnung der Hilfe muss gegebenenfalls hingenommen werden. Damit aber auch in Zeiten knapper werdender Mittel nötige Hilfe geleistet werden kann, sind die caritativen Einrichtungen auch auf Spenden angewiesen – Spenden, wie sie auch durch das Cello-Konzert am 04. Februar gesammelt werden. In Celle wird das Geld der Ambulanten Hilfe, dem Magazin Asphalt und der „Essenszeit“ am Harburger Berg zu Gute kommen.


