Zwischen dem riesigen Warenangebot des Buchmarktes und der Möglichkeit, tatsächlich an ein Buch zu kommen, stehen oft Welten - oder zumindest Kilometer. Was machen Leserinnen und Leser in ländlichen Gebieten, die keine Bücherei und keine Buchhandlung in der unmittelbaren Nähe haben? Sie nutzen den Bücherbus der Kreisfahrbücherei. Er bringt die Bücher aufs Dorf, bequem und individuell. Außerdem ist er ein sozialer Treffpunkt. Eine Reise mit einer besonderen Einrichtung.
Zwei international berühmte Buchmessen hat Deutschland – in Leipzig und in Frankfurt – und 90.000 Neuerscheinungen jährlich drängen in die Regale der Buchhandlungen. Da ist es nicht nur schwer, die passende Lektüre auszuwählen, sondern es wirkt sich auch finanziell aus, wenn man alle Bücher, die einen interessieren, kaufen möchte. Doch für dieses Problem gibt es eine einfache Lösung: öffentliche Büchereien. Hier kann man Bücher, Zeitschriften und mittlerweile auch Medien zu günstigsten Konditionen entleihen. Zwar gibt es im Kreis Celle (ohne die Angebote in der Stadt) 18 Büchereien, doch längst nicht in jedem Ort. Hier setzt die Kreisfahrbücherei an. Insgesamt gibt es acht Fahrbüchereien in Niedersachsen, drei davon sind Zweigstellen von Stadtbibliotheken. Der Landkreis Celle ist einer von fünf Kreisen in Niedersachsen, die ihren Bildungs- und Kulturauftrag in Sachen Lesen auch mobil ernst nehmen. Dass das sehr gut so ist, zeigen die hohen Ausleihzahlen und die Zusammenarbeit mit den Schulen. An manchen Orten ersetzt der Bücherbus nämlich nicht nur die Ortsbibliothek, sondern auch die Schulbücherei. Ganze Klassen kommen mit ihren Lehrern und werden so an das Lesen herangeführt.
An vier Tagen in der Woche ist der Bücherbus im Landkreis unterwegs. Über 80 Haltestellen fährt er auf seinen neun Touren an. Automatisch wird jeder gezählt, der den Bus durch den „Bücherei-Eingang“ betritt. Zwischen 190 bis 600 Menschen kommen durchschnittlich. Dieser befindet sich in der Mitte des Fahrzeugs. Vorne können nur der Busfahrer und die Bibliotheksmitarbeiter oder -mitarbeiterinnen einsteigen und Platz finden. Innen sind die Bücherregale dort, wo eigentlich Sitze und Fenster wären. Die Zentrale mit dem Magazin, den Büro-Arbeitsplätzen und der Garage ist in Eschede. Seit 1981 bricht der Bus, der seither die geschlossene Kreisbücherei ersetzt, von hier aus zu seinen Touren auf. Hier ist auch die Computerzentrale. Unter www.kreisfahrbuecherei-celle.de kann man sich die Angebote ansehen und vorbestellen. „Wir waren die erste Fahrbücherei in Deutschland, die eine eigene Homepage mit Webkatalog hatte“, sagt Büchereileiter Johannes von Freymann nicht ohne Stolz. „Unser sehr modernes Internet-Angebot wird viel und gern genutzt. Man kann hier bequem im Katalog suchen und Titel vorbestellen, die wir dann zu den jeweiligen Haltepunkten mitbringen.“ Überhaupt werden persönlicher Service und Kundenfreundlichkeit groß geschrieben. Das merkt man auch unterwegs immer wieder.
Heute, am Montag, ist die „Tour 5“ von Lachendorf über Metzingen bis Marwede und Höfer dran. Zehn Haltestellen werden angefahren. An den ersten beiden ländlichen Stationen nach Lachendorf warten schon Leserinnen. Es sind jeweils Mutter und Tochter, die für sich und andere Familienmitglieder Bücher leihen. „Mindestens zwei, drei sind es praktisch immer“ weiß Dieter Dralle zu berichten, der seit zwanzig Jahren den Bus fährt und unter anderem auch für die Buchausleihe zuständig ist. Außer Dralle sind immer ein bis zwei Bibliothekarinnen bzw. ‚Fachangestellte für Medien- und Informationsdienste - Fachrichtung Bibliothek’, wie der Beruf korrekt heißt, dabei. Heute begleitet Martina Böhm die Tour. Zu tun gibt es mehr als genug. 3.500 Medien – Bücher, Zeitschriften, Kassetten, CDs, Spiele - sind immer im Bus und ca. 10.000 Medien sind bei den Lesern unterwegs. Im Magazin in Eschede stehen noch weitere 23.000 Medien. Allein 26 Zeitschriften und Magazine kann man ausleihen. Täglich wechselt das Angebot schon allein durch die Ausleihe und die zurückgegebenen Bücher. Außerdem wird der Bus stets neu bestückt. „Das machen wir in größerem Umfange vor allem Freitags, wenn keine Touren anstehen“ sagt Martina Böhm, die seit Jahren für die Kreisfahrbücherei arbeitet.
Draußen toben die kleinen Kinder, die nichts selber Aussuchen wollen. Andere, sogar wirklich kleine Knirpse, kommen mit Stapeln beladen zur Leihstation am Tresen oder packen Buch um Buch in die Körbe ihrer Mütter. Lesestoff für mindestens zwei Wochen. „Wir holen immer für vier Wochen, aber was schon früher ausgelesen ist oder doch nicht so toll ist, das tauschen wir dann nach zwei Wochen aus. Wir kommen alle vierzehn Tage hierher“, erzählt eine junge Mutter in Metzingen. Sie kommt mit ihren drei Kindern immer aus dem Nachbarkreis. „Bei uns in Steinhorst gibt es so was nicht, und der Bücherbus ist irgendwie praktischer als eine Bücherei. Außerdem trifft man hier immer andere Mütter.“ Nur einmal kommt in den ersten Orten ein Vater mit seiner Tochter. Auch Jungs, die alleine kommen, sind in der Minderzahl. Fast scheint es so, als würden Mädchen vielmehr lesen. Die wenigen Jungs im besten Lesealter nehmen technische oder wissenschaftlich orientierte Zeitungen, Abenteuer- oder Sachbücher und natürlich neue Medien mit. CDs, Kassetten und DVDs sind bei Jugendlichen besonders beliebt. Kinder tragen ihre Bücherschätze zur Ausleihe. Tatsächlich machen Kinder und Jugendliche 70 % der Nutzer aus. „Aha, du hast auch ein Buch über Pferde“ sagt ein Mädchen im Vorschulalter zu einem etwas größeren Jungen. Der hält sein Buch hoch „Nein, was über Ritter“. Das Mädchen schaut auf das Titelbild und antwortet „Naja, das ist ja auch was mit Pferden. Sag ich doch.“
In Marwede sind die befestigten Straßen zu Ende. Man kann hier nur ankommen und wegfahren, ein „durchfahren“ ist unmöglich. An der Haltestelle mit dem roten Schild herrscht Getümmel. Neben der Ausleihe werden Vereinbarungen für den nächsten Tag getroffen, die Fahrt der Kinder zur Musikschule organisiert. Es kommen viele Stammkundinnen. „Das Buch hatten Sie schon mal entliehen“ teilt Martina Böhm nach dem Blick auf den Bildschirm mit. „Wollen Sie es noch mal mitnehmen?“ Die Kundin verneint, war sich bei den vielen Büchern, die sie liest, nicht sicher gewesen. Auch das ist ein Vorteil des modernen Leihverfahrens per Computer. Man hat nicht nur einen Überblick über entliehene und vorgemerkte Bücher, sondern es können auch Fehlleihen vermieden werden. Hier versteht man einmal mehr, was Johannes von Freymann meint, wenn er vom persönlichen Service „nah am Kunden“ spricht.
Links das „Kriegerdenkmal“, rechts die Pferdekoppel und gleich daneben suhlen sich glückliche rosa Schweine in ihrem Pfuhl. Ein Stapel Krimis landet auf dem Tresen: Der erste Mann, der alleine kommt und Bücher bringt. Es ist nach 16.30 Uhr, die Feierabendzeit beginnt. „Männer kommen eigentlich immer nur abends“ weiß die Bücherbus-Mannschaft. Und sie holen Bücher für sich oder DVDs und leihen nur selten oder gar nicht Kinderbücher – zumindest an diesem Montag nicht. Es kommen noch ein, zwei Männer. Hier wird allerdings kaum geplaudert, der technische Akt des Zurückgebens und Ausleihens steht im Vordergrund. Einer freut sich, dass er die Krimi-Neuerscheinung gleich vorgemerkt hatte und nun ein druckfrisches Buch lesen kann. „Die Spiegel-Bestsellerliste haben wir abonniert“ hatte Johannes von Freymann erzählt. „Denn unsere Leser orientieren sich an den Bestsellerlisten. Es werden auch gerne Thriller gelesen, gute Krimis. Da schauen wir, dass wir immer die neuen Sachen haben.“ Zu Fuß oder mit dem Fahrrad kommen die Nutzer zur Haltestelle. Diese bequeme Erreichbarkeit ist ein großer Vorteil. „Wir sind eine moderne, attraktive Einrichtung, die Basisarbeit betreibt, nämlich Leseförderung und Literatur vor allem für Kinder und Familien zur Verfügung stellt“ betont Johannes von Freymann. Kinder und Jugendliche bilden auch heute die größte Gruppe. In den Spitzenzeiten werden bis zu 1.300 Entleihungen verbucht. 598 Bücher werden an diesem Montag ausgeliehen und 532 kommen zurück.




